Wissenschaft & Ideen
Verzicht war nie das Ziel – das Wort heißt schlicht „üben“
Askese kommt vom griechischen Wort für „üben“ und meint ursprünglich eine disziplinierte Lebensweise, mit der Menschen aus religiösen oder philosophischen Gründen Tugend, Charakterstärke oder besondere Fähigkeiten erlangen wollen. Typisch dafür ist der freiwillige Verzicht auf Genussmittel, Sexualität, Komfort oder Besitz, oft verbunden mit Fasten, Schweigen, Wanderleben oder dem Aushalten von Schmerz und Kälte. Wichtig ist dabei immer die Freiwilligkeit: Wer nur aus Armut bescheiden lebt, gilt nicht als Asket. Die Motive reichen von Weltablehnung über Tugendstreben bis zur Hoffnung auf ein besseres Jenseits oder sogar auf magische Macht, und das Spektrum reicht von gemäßigter Zurückhaltung bis zu radikaler Selbstkasteiung.
Fast überall, wo Askese auftritt, entsteht ein eigentümliches Dilemma: Wer besonders konsequent verzichtet, gewinnt dadurch gesellschaftliches Ansehen – und genau dieses Prestige untergräbt wiederum die angestrebte Weltabkehr. Religionen haben darauf unterschiedlich reagiert, etwa durch Rückzug in Einsamkeit, demonstrative Narretei oder die Einbindung in Orden, die das Ansehen von der Einzelperson übernehmen. In Indien entwickelten Hinduismus, Buddhismus und vor allem Jainismus sehr unterschiedlich strenge Formen, vom „mittleren Weg“ Buddhas bis zum freiwilligen Verhungern mancher Jaina-Asketen. Im Christentum prägten Wüstenväter, Säulenheilige und später reformierte Orden wie Kartäuser oder Trappisten das Bild, während Luther die mönchische Askese als versteckten Hochmut verwarf und Calvinisten stattdessen eine „innerweltliche“ Disziplin im Beruf entwickelten. Auch im Islam entstand mit dem Sufismus eine eigene, stark verbreitete asketische Strömung, die bis heute unter Muslimen umstritten ist.
Philosophen und Soziologen haben das Phänomen sehr unterschiedlich bewertet: Während Schopenhauer in der Askese die bewundernswerte Verneinung des Lebenswillens sah, hielt Nietzsche sie meist für lebensfeindlich und entlarvte sie als Machtmittel der Priester. Max Weber zeigte, wie aus der calvinistischen „innerweltlichen Askese“ über den Umweg der Berufsethik der moderne kapitalistische Wirtschaftsmensch hervorging, während Durkheim Verzicht und selbst zugefügten Schmerz als Weg deutete, mit dem Heiligen in Kontakt zu treten. Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff dann säkularisiert und ökologisch gewendet: Autoren wie Weizsäcker forderten eine „demokratische Askese“ des Konsumverzichts, während Kritiker wie Traube darin nur eine neue Ideologie sahen, die die eigentlich Verantwortlichen entlastet. Auch in Kunst und Literatur bleibt das Thema lebendig, etwa in den immer wieder dargestellten Versuchungen des heiligen Antonius durch Dämonen der Sinnlichkeit.
Zur asketischen Schulung gehören nicht nur Verzicht, sondern auch körperliche und geistige Ertüchtigung – in manchen Fällen bis hin zum gezielten Einüben, Schmerz auszuhalten.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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