Ungelöste Rätsel · Kuriose Geschichte
Der Archäologe fälschte jahrzehntelang seine eigenen Beweise
Die Beyköy-Texte sind eine merkwürdige Sammlung von angeblichen Abzeichnungen hieroglyphenluwischer Inschriften und Übersetzungen keilschriftlicher Bronzetafeln aus Westanatolien, die heute größtenteils als moderne Fälschungen gelten. Einzig eine 1889 beschriebene, später verschollene Steininschrift aus dem 13. Jahrhundert vor Christus gilt als echt, alles andere stammt aus dem Nachlass des britisch-niederländischen Archäologen James Mellaart, der 2012 starb und schon zu Lebzeiten wiederholt der Fälschung verdächtigt worden war. Der Geoarchäologe Eberhard Zangger erhielt 2017 Zugang zu Mellaarts unveröffentlichten Papieren und präsentierte die Funde zunächst als sensationellen Beleg für mächtige luwische Reiche, weil sie seine eigenen Thesen zu stützen schienen. Erst bei einer gründlicheren Durchsicht des Nachlasses im Frühjahr 2018 wurde ihm klar, dass Mellaart über Jahrzehnte in großem Stil Material erfunden hatte, um seine Vorstellungen von der kleinasiatischen Frühgeschichte zu untermauern.
Besonders aufwendig war die sogenannte Beyköy-2-Inschrift, ein angeblich 29 Meter langer Fries mit einer Geschichte eines sonst unbekannten Großkönigs, eingebettet in eine abenteuerliche Entstehungslegende mit angeblichen Entdeckungen im 19. Jahrhundert, verschollenen Steinblöcken in einem Moscheefundament und einem jahrzehntelangen, nie abgeschlossenen Forschungsprojekt mit lauter inzwischen verstorbenen Beteiligten. Spätere philologische Untersuchungen zeigten, dass der Text im Kern aus bedeutungslosem Zeichensalat besteht, mit falsch verwendeten und frei erfundenen Symbolen sowie Ortsnamen, die größtenteils reine Erfindung sind. Ähnlich verhält es sich mit den vermeintlichen Keilschrifttafeln, die angeblich schon 1878 gefunden und über Sultanspalast, politische Wirren und mehrere verstorbene Übersetzer immer wieder verlegt und wiederentdeckt worden sein sollen, ohne dass sich in Mellaarts Papieren irgendein Briefwechsel mit den angeblich beteiligten Gelehrten fand. Auch inhaltlich passt das Muster: Die Texte konstruieren eine durchgehende Geschichte Kleinasiens bis in die Bronzezeit zurück und rücken dabei die von Mellaart bevorzugten Luwier in ein besonders günstiges Licht, während Hethiter und Mykener abgewertet werden.
Nachdem Zangger die Fälschungen bei den Keilschrifttafeln erkannt hatte, distanzierte er sich zusammen mit seinem Mitautor Frederik Woudhuizen von deren Echtheit, hielt aber gemeinsam mit ihm überraschenderweise weiter an der Echtheit der hieroglyphenluwischen Steininschriften fest, was in der Fachwelt auf deutliches Unverständnis stieß. Andere Forscher ordnen inzwischen auch diese Inschriften klar als Teil von Mellaarts langjähriger Fälschungspraxis ein, die bis in die 1950er Jahre zurückreicht und mit gefälschten Wandmalereien und Siegeln aus seiner Zeit in Çatal Höyük begann. In das maßgebliche wissenschaftliche Corpus der luwischen Hieroglypheninschriften wurde keiner der Beyköy-Texte aufgenommen. Der Fall zeigt exemplarisch, wie ein einzelner, gut vernetzter Forscher über Jahrzehnte hinweg ein komplexes, in sich stimmig wirkendes Fälschungsgebäude errichten konnte, das erst durch die genaue Durchsicht seines gesamten Nachlasses ins Wanken geriet.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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