Ungelöste Rätsel · Erde & Orte
Ein Fluss, den es nie gab, stand 50 Jahre lang auf den Karten
Stell dir vor, über fünfzig Jahre lang zeichneten Kartografen einen großen Fluss in den amerikanischen Westen, der die Rocky Mountains mit der Küste bei San Francisco verband – obwohl es ihn nie gab. Der Hintergrund war die alte Sehnsucht nach einem Wasserweg quer durch den Kontinent, um den langen Seeweg um Kap Hoorn zu umgehen. Britische und französische Pelzhändler hatten im Osten große Flusssysteme gefunden, und man nahm an, im Westen müsse es Ähnliches geben. Die Lewis-und-Clark-Expedition zeigte zwar, dass die nördlichen Rocky Mountains kaum passierbar waren, lenkte das Interesse aber auf die südlichen und mittleren Teile des Gebirges – genau dort, wo der Mythos vom Buenaventura River seinen Ursprung nahm.
Die Wurzel des Irrtums lag in einer Verwechslung spanischer Missionare: 1776 hatten zwei Franziskanerpriester auf der Suche nach einer Route von Santa Fe nach Kalifornien den Green River entdeckt und ihn San Buenaventura getauft, stießen aber nie bis zur Küste vor. Ihr Kartograf zeichnete den Fluss fälschlich nach Südwesten in einen Salzsee statt nach Süden in den Colorado, und spätere Karten übernahmen diesen Fehler ungeprüft weiter. Amerikanische Kartografen wie Humboldt, Clark und Tanner verknüpften daraufhin unterschiedliche, teils tatsächlich existierende Flüsse mit dem Namen Buenaventura, ohne dass jemand die Region selbst erkundet hätte. Da niemand die Entfernung zwischen Rocky Mountains und Sierra Nevada verlässlich vermessen hatte, fiel auch nicht auf, dass dort rund fünfhundert Kilometer unerforschtes Land lagen, die auf den Karten einfach verschwanden.
Erst Trapper wie Jedediah Smith, der in den 1820er Jahren die Wüste des Großen Beckens und die Sierra Nevada durchquerte, machte einen durchgehenden Fluss unwahrscheinlich, ohne den Mythos endgültig zu widerlegen. Siedler wie John Bidwell nahmen 1841 noch Material für einen Bootsbau mit, in der Hoffnung, ab dem Großen Salzsee auf dem Buenaventura weiterzufahren. Endgültig entzaubert wurde der Fluss erst 1844 durch John Charles Frémont, der bei seiner Vermessung der Rocky Mountains, der Sierra Nevada und Kaliforniens kurzzeitig glaubte, ihn gefunden zu haben, den Irrtum aber binnen weniger Tage erkannte. Frémont stellte dabei erstmals die wahren geografischen Zusammenhänge fest: dass das Große Becken abflusslos ist und die Flüsse des Westens entweder zum Colorado, zum Columbia oder eben gar nirgendwohin fließen. Als der erhoffte Wasserweg endgültig als Fantasie entlarvt war, richtete sich das Interesse an einer Ost-West-Verbindung fortan auf die Eisenbahn, die schließlich 1869 fertiggestellt wurde.
Der Fluss sollte angeblich in der Gegend um San Francisco in den Pazifik münden – ausgerechnet in einer Region, die längst besiedelt war.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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