Natur & Lebewesen · Erde & Orte
Eine Sprengung legte sie frei – und niemand rußte sie je schwarz
Die Eberstadter Tropfsteinhöhle im Bauland, unweit von Buchen im Norden Baden-Württembergs, wurde 1971 ganz zufällig bei Sprengarbeiten in einem Steinbruch entdeckt. Rund 600 Meter lang und mehrere Millionen Jahre alt, liegt sie im unteren Muschelkalk, dessen widerstandsfähige Schaumkalkbänke verhindert haben, dass die Hohlräume im Lauf der Zeit verschüttet wurden. Weil die Höhle von Anfang an verschlossen blieb und Besucher nur bei elektrischem Licht hindurchgeführt wurden, blieben ihre Tropfsteine kalkweiß statt wie in älteren Höhlen rußgeschwärzt, was sie zu einer der schönsten ihrer Art in Deutschland macht. Entstanden ist sie, weil einsickerndes, kohlensäurehaltiges Wasser den Kalk löste und nach dem Absinken des Grundwasserspiegels ein schlüssellochförmiges Gangprofil aus Kluft- und Flusshöhle zurückließ; in der Nachbarschaft liegen mit dem „Hohlen Stein“ und der erst 2006 entdeckten Kornäckerhöhle zwei weitere, nicht zugängliche Teile desselben Höhlensystems. Der Besucherweg führt an zahlreichen, einzeln benannten Formationen vorbei, von der schneeweißen Stalagmitensäule „Weiße Frau“ über den sinterkegelförmigen „Vesuv“ bis zur mehrstöckigen „Hochzeitstorte“ und einem winzigen, abflusslosen Höhlensee, dessen seltene Kristallblüten nach der Eröffnung fast vollständig gestohlen wurden und heute hinter Stacheldraht geschützt sind.
Die Geschichte der Erschließung liest sich fast wie ein Dorfereignis: Noch am Entdeckungstag strömten Einwohner zum Steinbruch, Diebe schlugen Tropfsteine ab, und erst eine zugemauerte Tür, Stacheldraht und nächtliche Polizeistreifen stoppten die Plünderungen. Weil die Gemeinde den Ausbau nicht allein stemmen konnte, halfen Landkreis und Land mit, und binnen zwei Jahren bauten fast hundert freiwillige Helfer mit tausenden Arbeitsstunden Wege, Entwässerung und eine Eingangstür, wobei der Steinbruchbetrieb unter Auflagen weiterlaufen durfte, um den wichtigen Arbeitgeber vor Ort zu erhalten. Schon zur Eröffnung 1973 kamen Tausende Besucher an einem einzigen Tag, binnen eines Jahres eine Viertelmillion, und bis heute zählt die Höhle mit fast 60.000 Gästen jährlich zu den meistbesuchten Schauhöhlen Süddeutschlands. Seit 2004 gehört sie zum Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald und wird von einem 2011 eröffneten Besucherzentrum sowie einem geologischen Lehrpfad ergänzt, der die Entstehung der Landschaft im Steinbruch nebenan erklärt.
Auch abseits der Steine hat sich in der Höhle über die Jahrzehnte ein eigenes kleines Ökosystem gebildet. Rund um die Lampen wuchs allmählich eine sogenannte Lampenflora aus Algen, Moosen und vereinzelten Farnen heran, die ganz ohne Tageslicht nur vom künstlichen Kunstlicht lebt und bei wiederholten Untersuchungen immer mehr Arten zeigte, obwohl sie regelmäßig zurückgeschnitten wird. Tierisches Leben fehlte zunächst völlig, doch spätere, genauere Nachforschungen brachten echte Höhlenbewohner zutage, darunter winzige Grundwasserschnecken, Ruderfußkrebse und schließlich auch Höhlenflohkrebse, dazu eingewanderte Käfer, Fliegen und Spinnentiere, die vermutlich über den Schauhöhleneingang hineingelangten. Insgesamt zeigt die Höhle damit nicht nur ein geologisches Schaustück, sondern auch, wie sich binnen weniger Jahrzehnte nach ihrer Öffnung eine eigene, lichtabhängige Lebensgemeinschaft entwickeln konnte.
Die Höhle ist auf drei bis fünf Millionen Jahre geschätzt – und lag bis Dezember 1971 völlig unbemerkt unter einem Muschelkalksteinbruch.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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