Natur & Lebewesen · Essen & Trinken
Ein Baum, der fast ausstarb – und jetzt als Zukunftsbaum gilt
Die Edelkastanie, auch Esskastanie genannt, ist der einzige in Europa heimische Vertreter der Kastanien und ein naher Verwandter der Buche, nicht aber der Rosskastanie, mit der sie nur die stachelige Fruchthülle gemein hat. Sie wird bis zu 25 Meter hoch, kann mehrere hundert, in Westeuropa sogar bis zu tausend Jahre alt werden, und der älteste bekannte Baum auf Sizilien soll rund 2000 Jahre zählen. Ihre Blüten sind ungewöhnlich, weil männliche und weibliche getrennt an derselben Pflanze sitzen und sich zeitlich versetzt öffnen, und selbst Fachleute sind sich nicht einig, ob die Bestäubung eher durch Wind oder durch Insekten erfolgt. Die stärkereichen Nüsse unterscheiden sich von den meisten anderen Nüssen dadurch, dass sie kaum Fett, dafür viele Kohlenhydrate enthalten, was sie historisch zu einem vollwertigen Grundnahrungsmittel machte.
Jahrhundertelang war die Kastanie in den Berggebieten Südeuropas das, was anderswo das Brot war: Schon die Römer verbreiteten den Baum bis nach Britannien, im Mittelalter ließen Klöster und sogar Karl der Große ihren Anbau fördern, und in ärmeren Gegenden reichten oft schon ein oder zwei Bäume, um eine erwachsene Person das ganze Jahr über zu ernähren. Mit der Industrialisierung und der Landflucht im 19. Jahrhundert begann der Niedergang dieser Kultur, verschärft durch die aus Amerika eingeschleppte Tintenkrankheit und vor allem ab 1938 durch den Kastanienrindenkrebs, der weite Bestände vor allem in Südeuropa vernichtete. Erst seit den 1990er-Jahren erholen sich die Wälder wieder, weil sich gegen den Pilz eine Art biologische Bremse durchgesetzt hat, die seine Aggressivität abschwächt. Heute gilt der Baum wegen seiner Anpassungsfähigkeit an Wärme und trockene Böden sogar als eine Art Hoffnungsträger für den Klimawandel.
Genutzt wird die Kastanie bis heute auf vielerlei Weise: Ihr Holz ist, ähnlich dauerhaft wie Eiche, aber schneller nachwachsend, beliebt für Fässer, Zaunpfosten oder Möbel, während die Früchte je nach Region unter Namen wie Maroni oder Marroni verarbeitet werden, roh, geröstet, kandiert zu Marrons glacés oder zu glutenfreiem Mehl gemahlen. Weil frische Kastanien schnell verderben, haben sich über die Jahrhunderte verschiedene Konservierungsmethoden entwickelt, vom Trocknen über das Einlegen in Wasser bis zum Fermentieren in Haufen. Mehrere hundert lokale Sorten sind bekannt, allein in Frankreich über 700, meist an das jeweilige Klima angepasst und durch Pfropfen vermehrt. Auch abseits der Küche spielt der Baum eine Rolle, etwa bei der traditionellen Schweinemast in Spanien oder Korsika, als Kastanienhonig, oder jüngst als Quelle eines Wirkstoffs, der gegen resistente Krankenhauskeime helfen könnte.
Die überall gepflanzte Rosskastanie ist mit der Edelkastanie überhaupt nicht verwandt – und ihre Früchte sind für Menschen nicht essbar.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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