Morgenwunder

Wissenschaft & Ideen · Körper & Medizin

Dein Würgereflex arbeitet nebenbei als Türsteher deiner Kultur

Ekel ist diese unangenehme Mischung aus Übelkeit und starker Abwehr, die du spürst, wenn dir etwas zu nahe kommt, das du nicht willst – sei es ein Geruch, ein Anblick oder eine Berührung. Die Fähigkeit dazu ist angeboren, doch wovor man sich konkret ekelt, lernt man erst in den ersten Lebensjahren: Kleinkinder stecken noch Würmer oder Kot in den Mund, ohne jede Regung. Entstehen soll das Gefühl im Mandelkern des Gehirns, ursprünglich vermutlich als Schutz vor ungenießbarer, krankmachender Nahrung, der sich später auf Körperausscheidungen, Tiere, ja ganze Verhaltensweisen ausgeweitet hat. Interessant ist, wie leicht sich Ekel durch bloße Assoziation auslösen lässt: Versuchspersonen verweigerten eine Suppe, die nur kurz mit einem neuen Kamm gerührt worden war, und Schokopudding in Kotform fand kaum jemand appetitlich, obwohl allen klar war, was es wirklich war.

Seit Darwin, der die weltweit gleiche Ekel-Mimik beschrieb, haben sich viele Denker an einer Erklärung versucht. Freud sah darin einen Abwehrmechanismus aus der frühkindlichen Erziehung mit einer heimlichen Nähe zur Lust, Kolnai betonte die moralische Seite und die Verbindung zu Fäulnis und Verwesung, und Julia Kristeva prägte den Begriff der Abjektion für die Art, wie wir uns über das Ekelhafte von anderen abgrenzen. Paul Rozin wiederum sieht im Ekel vor allem eine zivilisatorische Emotion, die uns helfen soll, unsere Verwandtschaft mit dem Tier zu verdrängen und zugleich moralisch Unerwünschtes zu markieren. Wie stark Ekel kulturell geformt ist, zeigt sich bei der Nahrung: Was anderswo als Delikatesse gilt, etwa stark riechender Käse, vergorener Fisch oder Maden im Käse, gilt woanders als widerlich, und auch Körpergerüche wurden historisch benutzt, um ganze Völker abzuwerten, wie die deutschfeindliche Propaganda nach 1870 zeigt. Norbert Elias wiederum hat gezeigt, dass noch im Mittelalter Spucken, öffentliches Urinieren oder Flatulenzen kaum Anstoß erregten und die heutige Empfindlichkeit erst über Jahrhunderte durch höfische Verhaltensregeln entstanden ist.

In Kunst und Literatur wird Ekel immer wieder bewusst eingesetzt, um Tabus zu brechen oder Kritik zu üben, von den blutigen Schlachtszenen bei Ovid und Seneca über Kleists „Penthesilea“ bis zu Kafkas „Verwandlung“ und Sartres Roman „Der Ekel“. Im Wiener Aktionismus, etwa bei Hermann Nitsch, oder in Werken von Piero Manzoni, der Dosen mit angeblicher eigener Künstlerscheiße verkaufte, wird der Ekel selbst zum Material, ebenso wie im modernen deutschen „Ekeltheater“, das mit Blut und Exkrementen arbeitet. Auch Film und Fernsehen greifen das Thema auf, von Polańskis „Repulsion“ bis zu Reality-Formaten wie dem Dschungelcamp, die gezielt auf Ekelreize setzen und regelmäßig öffentliche Empörung auslösen. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist bis heute nicht abschließend geklärt, wozu sich diese Emotion evolutionär eigentlich entwickelt hat und wie stark angeborene gegenüber erlernten Anteilen tatsächlich wiegen.

Bei Chorea Huntington verschwindet Ekel vollständig – Betroffene empfinden ihn nicht mehr und erkennen den passenden Gesichtsausdruck bei anderen auch nicht mehr.

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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.

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