Erde & Orte · Musik, Film & Literatur
Eine Minderheitensprache, die nie zur Minderheit wurde
Stell dir vor, in Finnland war jahrhundertelang Schwedisch die Sprache der Herrschenden, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung Finnisch sprach – eine Sprache, die lange nicht einmal als Schriftsprache galt. Erst mit Mikael Agricolas erstem finnischen Lesebuch im 16. Jahrhundert und später durch Werke wie das Kalevala gewann Finnisch an Ansehen. Unter russischer Herrschaft ab 1809 förderte man die finnische Sprache sogar bewusst, um die Bindung an Schweden zu schwächen, während Russisch selbst nie wirklich Fuß fasste. Daraus entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein regelrechter Sprachenstreit zwischen „Fennomanen“, die Finnisch zur alleinigen Staatssprache machen wollten, und „Svekomanen“, die das Schwedische verteidigten – mit teils scharfen gegenseitigen Vorwürfen von Verrat und kultureller Überheblichkeit. Erst 1902 wurde Finnisch überhaupt Amtssprache, obwohl es zu dieser Zeit längst zur vollwertigen Kultursprache herangewachsen war.
Als Finnland 1917 unabhängig wurde, hatten sich die Kräfteverhältnisse umgekehrt, und nun fürchteten die Schwedischsprachigen um ihre Rechte. Nach zähen Verhandlungen einigte man sich 1919 darauf, dass Finnisch und Schwedisch gleichberechtigte Landessprachen sind, radikalere Pläne für ein autonomes schwedischsprachiges Gebiet scheiterten jedoch. Der Streit flammte in den 1930er Jahren unter den sogenannten „wahren Finnen“ noch einmal heftig auf, etwa als es um Quoten für schwedischsprachige Professuren an der Universität Helsinki ging. Erst der heraufziehende Krieg gegen die Sowjetunion ließ die Sprachfrage in den Hintergrund treten, und nach 1945 wurde die Zweisprachigkeit sogar zum außenpolitischen Vorteil umgedeutet, weil sie Finnlands Bindung an Skandinavien und den Westen sicherte. Bei der Umsiedlung der aus Ostkarelien vertriebenen Bevölkerung achtete man bewusst darauf, die bestehenden Sprachverhältnisse der Gemeinden nicht zu verändern.
Heute ist jede finnische Gemeinde per Gesetz entweder finnisch-, schwedisch- oder zweisprachig, und Bürger dürfen vor Gerichten und Behörden ihre Muttersprache verwenden. Der verpflichtende Unterricht in der jeweils anderen Landessprache sorgt bis heute für Debatten, die unter dem Schlagwort „Zwangsschwedisch“ laufen, auch wenn sich die großen Parteien einig sind, daran festzuhalten. Ebenso umstritten bleiben Quoten für schwedischsprachige Studienplätze etwa in Jura oder Medizin, die manche als ungerecht empfinden, andere als notwendig zur Sicherung schwedischsprachiger Dienstleistungen. Seit den 1990er Jahren rückt zudem eine ganz andere Sprachgruppe in den Blick: die Samen, deren Sprachen seit 1992 in einigen nordfinnischen Gemeinden offiziellen Status haben, obwohl inzwischen nur noch etwa die Hälfte von ihnen überhaupt eine samische Sprache spricht. Insgesamt zeigt sich, dass die finnische Zweisprachigkeit für die meisten Menschen im Alltag längst selbstverständlich geworden ist, auch wenn einzelne Streitpunkte immer wieder öffentlich aufflackern.
Das Ringen um das Kräfteverhältnis zwischen Schwedisch und Finnisch prägt die finnische Sprachenpolitik seit dem 19. Jahrhundert – und ist bis heute ihr zentrales Merkmal.
Den ganzen Artikel „Finnische Sprachenpolitik“ auf Wikipedia lesen
Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
Jeden Morgen einer.
Ein Wikipedia-Artikel pro Tag, zu deiner Uhrzeit, aus den Themen, die du willst. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.
Anmelden