Morgenwunder

Wissenschaft & Ideen · Körper & Medizin

Das sogenannte Sprachgen haben Mäuse auch

FOXP2 ist ein Gen, das 1998 bei einer Londoner Familie entdeckt wurde, deren Mitglieder über drei Generationen hinweg an einer schweren Sprach- und Sprechstörung litten. Das Gen produziert einen Transkriptionsfaktor, also ein Protein, das wiederum hunderte andere Gene steuert, und wird schon im Embryo vor allem in jenen Hirnregionen aktiv, aus denen später Kleinhirn, Thalamus und Basalganglien entstehen – genau die Areale, die komplexe motorische Abläufe wie das Sprechen koordinieren. In den Medien wurde FOXP2 deshalb als „Sprachgen“ bekannt, auch wenn das etwas zu einfach gedacht ist: Bei der besagten KE-Familie führte eine einzelne vertauschte Aminosäure im Protein dazu, dass Betroffene Wörter und besonders Kunstwörter nur mühsam artikulieren konnten, Probleme mit Grammatik und Satzbau hatten und im Schnitt auch einen niedrigeren IQ zeigten. Bildgebende Verfahren zeigten bei ihnen zudem untypische Strukturen in den Basalganglien, während andere Patienten mit vergleichbaren Mutationen oder sogar dem Verlust des ganzen Gens ähnliche Sprach- und Mundmotorik-Probleme zeigten, bis hin zur Unfähigkeit zu husten oder spontan zu lachen.

Spannend wird es, wenn man sich ansieht, was FOXP2 bei anderen Tieren bewirkt. Mäuse, denen man beide Kopien des Gens abschaltet, sterben früh und können sich nicht mehr per Ultraschalllaute verständigen, während Mäuse mit der menschlichen Genvariante sogar besser lernen. Bei Zebrafinken, die ihren Gesang von älteren Artgenossen erlernen müssen, führt das Ausschalten von Foxp2 dazu, dass sie Silben ungenau imitieren oder ganz auslassen – ein Hinweis darauf, dass das Gen generell mit dem Erlernen komplexer Lautfolgen zu tun hat, nicht nur mit menschlicher Sprache. Besonders auffällig ist FOXP2 bei Fledermäusen, die sich stark von anderen Säugetieren unterscheiden; vermutlich hängt das mit der Entwicklung ihrer Echoortung zusammen. Insgesamt ist das Protein bei Säugetieren sonst erstaunlich konstant, der Mensch unterscheidet sich etwa von der Maus nur durch drei Aminosäuren.

Besonders viel Aufmerksamkeit bekam FOXP2 in der Frage, wann und wie die menschliche Sprachfähigkeit entstand. Erste Berechnungen auf Basis von Mutationsraten datierten die heutige menschliche Genvariante auf höchstens 200.000 Jahre und legten nahe, dass der Neandertaler, der sich schon viel früher von unserer Linie getrennt hatte, keine Sprache im menschlichen Sinn besaß. Diese These musste 2007 revidiert werden, als sich aus Neandertaler-Knochen zeigte, dass auch er exakt dieselbe FOXP2-Variante trug wie der moderne Mensch. Ob die beiden Aminosäure-Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse tatsächlich der Schlüssel zur menschlichen Sprachentwicklung waren, ist unter Forschern weiterhin umstritten, zumal sich bei anderen Tierarten mit erlernter Lautäußerung kein vergleichbares Muster zeigte. Offen ist auch, warum eine FOXP2-Störung beim Menschen gerade die Mundmotorik betrifft und nicht die übrige Bewegungssteuerung.

FOXP2 ist eigentlich ein Transkriptionsfaktor – ein Schalter, der andere Gene reguliert. Entdeckt wurde es nicht im Labor am Sprachvermögen, sondern an einer einzigen Familie, in der auffällig viele Mitglieder schwere Sprachstörungen hatten.

Den ganzen Artikel „Forkhead-Box-Protein P2“ auf Wikipedia lesen

Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.

Jeden Morgen einer.

Ein Wikipedia-Artikel pro Tag, zu deiner Uhrzeit, aus den Themen, die du willst. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.

Anmelden