Kuriose Geschichte · Menschen & Lebenswege
Sie stritten, ob wirklich alle Frauen wählen dürfen
Ab den 1890er Jahren entstand in Deutschland eine Bewegung, die Frauen das Wahlrecht erkämpfen wollte – ausgelöst dadurch, dass Männer bald allgemein wählen durften, während Frauen mit dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuch gerade erlebt hatten, wie wenig ihre Anliegen zählten. Bürgerliche Aktivistinnen wie Anita Augspurg, Minna Cauer und Lida Gustava Heymann bildeten den Kern, hielten sich aber strikt von den sozialistischen Frauen um Clara Zetkin fern, obwohl beide Seiten dasselbe Ziel verfolgten. Lange vor der eigentlichen Organisierung hatten restriktive Vereinsgesetze Frauen jede politische Betätigung untersagt, sodass Forderungen nach dem Stimmrecht zunächst nur vereinzelt von Schriftstellerinnen wie Hedwig Dohm geäußert wurden. Erst 1902 gründete sich in Hamburg der erste eigene Verein, weil dort das strenge preußische Vereinsrecht nicht galt, und mit der Lockerung der Gesetze 1908 wuchs die Bewegung deutlich an.
Gerade dieses Wachstum brachte aber Streit: Wie weit sollte die Forderung gehen, sollte man das Wahlrecht nur für Frauen oder gleich das ganz allgemeine, gleiche Wahlrecht für alle verlangen? Diese Frage spaltete die anfangs einheitliche Bewegung in mehrere konkurrierende Dachverbände mit unterschiedlich radikalen Positionen, von denen einer sogar eine gemäßigt-nationale, teils imperial gesinnte Ausrichtung vertrat. Parallel dazu bauten die sozialdemokratischen Frauen um Clara Zetkin und Luise Zietz eine eigene, recht erfolgreiche Struktur auf, unter anderem mit dem international beachteten Frauentag, der 1911 eine Million Menschen auf die Straße brachte – eine Massenmobilisierung, von der sich die bürgerliche Presse demonstrativ distanzierte. Mit Kriegsbeginn 1914 kam der Streit abrupt zum Erliegen, weil sich fast alle Frauenverbände dem patriotischen Burgfrieden anschlossen und stattdessen Fürsorgearbeit an der Heimatfront leisteten; nur eine kleine pazifistische Minderheit um Augspurg und Heymann protestierte weiter offen gegen den Krieg und geriet dafür in den Ruf von Vaterlandsverräterinnen.
Erst als 1917 klar wurde, dass eine geplante Wahlrechtsreform in Preußen nur den Männern zugutekommen sollte, rauften sich bürgerliche und sozialistische Frauen zusammen und drängten gemeinsam auf das Frauenwahlrecht, bis es im November 1918 im Zuge der Revolution tatsächlich eingeführt wurde – ein früher Erfolg im europäischen Vergleich, den die Bewegung selbst kaum noch als Organisation erlebte, da sich ihre Verbände in den Jahren danach rasch auflösten. Die Geschichtsschreibung tat sich lange schwer mit diesem Erbe: Zunächst setzte sich Clara Zetkins Deutung durch, das Wahlrecht sei ein Geschenk der proletarischen Revolution gewesen, und erst spätere Forscherinnen rückten den jahrzehntelangen zähen Einsatz der Aktivistinnen wieder in den Vordergrund. Zugleich zeigte neuere Forschung, dass ältere Darstellungen die deutsche Bewegung fälschlich als besonders zögerlich und rückständig im Vergleich zu den englischen Suffragetten hinstellten, obwohl die Unterschiede tatsächlich viel geringer waren. Viele Originalquellen der radikalen Flügelfrauen gingen zudem durch Flucht und Verfolgung im Nationalsozialismus verloren, was die spätere Aufarbeitung zusätzlich erschwerte.
Der Reichstag hatte bereits begonnen, ein Frauenwahlrechtsgesetz auszuarbeiten – zur Abstimmung kam es nie. Am 12. November 1918 proklamierte stattdessen der Rat der Volksbeauftragten das Wahlrecht für alle ab 20 Jahren.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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