Morgenwunder

Ungelöste Rätsel · Menschen & Lebenswege

Seine Spionage brachte kaum etwas – und stürzte den Kanzler

Die Guillaume-Affäre gilt als der politisch folgenreichste Spionagefall der deutsch-deutschen Geschichte: 1974 flog Günter Guillaume, ein enger Mitarbeiter von Bundeskanzler Willy Brandt, als Stasi-Agent auf, und wenige Tage später trat Brandt zurück. Guillaume war schon 1956 im Auftrag der DDR-Auslandsaufklärung als angeblicher Flüchtling eingereist, hatte sich in der SPD hochgearbeitet und war bis ins Kanzleramt vorgedrungen, wo er zum persönlichen Referenten Brandts in Parteiangelegenheiten wurde. Entdeckt wurde er letztlich über jahrzehntealte, entschlüsselte Funksprüche, mit denen die Stasi seinem Ehepaar einst Glückwünsche übermittelt hatte – dabei hatte der Bundesnachrichtendienst schon Jahre zuvor Hinweise auf ihn erhalten, ohne dass das Kanzleramt gewarnt wurde. Obwohl der Verdacht bereits 1973 bestand, ließ man Guillaume aus Beweisgründen monatelang gewähren und schickte ihn sogar mit Brandt in den Urlaub, um ihn zu überführen, bevor er im April 1974 verhaftet wurde.

Der Rücktritt selbst lässt sich nicht allein mit der Spionage erklären, denn die von Guillaume gelieferten Informationen waren, wie sich später aus DDR-Unterlagen zeigte, überwiegend von geringem Wert und betrafen größtenteils Partei- und Gewerkschaftsinterna statt echter Regierungsgeheimnisse. Entscheidender dürfte gewesen sein, dass im Zuge der Ermittlungen auch pikante Details aus Brandts Privatleben, etwa zu Alkoholkonsum und Affären, bekannt wurden und die Sorge aufkam, die DDR könnte die Bundesregierung damit erpressbar machen oder die Opposition sie im Wahlkampf ausschlachten. Nach einem entscheidenden Gespräch mit Herbert Wehner, dessen genauer Verlauf bis heute umstritten ist, entschloss sich der von Depressionen und gesundheitlichen Problemen geschwächte Brandt zum Rücktritt, wobei auch seine Frau ihm riet, Verantwortung zu übernehmen. Spätere Beteiligte wie Helmut Schmidt sahen die Affäre selbst gar nicht als zwingenden Rücktrittsgrund an, sondern vor allem die psychische Erschöpfung Brandts.

Politisch kam der Sturz Brandts offenbar auch der DDR-Führung ungelegen, da sie seine Entspannungspolitik unterstützte und den Vorfall intern als Panne wertete; in der Folge gab es sogar inoffizielle Gespräche beider Seiten, um den Schaden an den zwischenstaatlichen Beziehungen zu begrenzen. Nachfolger im Kanzleramt wurde auf Drängen Wehners Helmut Schmidt, während Brandt noch bis in die späten Achtzigerjahre SPD-Vorsitzender blieb und erst postum in seinen Notizen offen mit Wehner abrechnete. Guillaume und seine ebenfalls als Agentin enttarnte Frau wurden wegen Landesverrats verurteilt, kamen aber durch einen Agentenaustausch vorzeitig frei. Bis heute ist nicht restlos geklärt, welche Motive und Gespräche letztlich den Ausschlag für Brandts Entscheidung gaben, da vieles davon nie schriftlich festgehalten wurde.

Nicht nur Guillaume selbst arbeitete für die Stasi: Auch seine Ehefrau Christel wurde als Agentin enttarnt, die nachrichtendienstlich mit ihm zusammenarbeitete.

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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.

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