Morgenwunder

Kuriose Geschichte · Kunst & Architektur

Unter der Shoppingmall lag ein Isistempel – und er blieb dort

Ende 1999 stießen Bauarbeiter mitten in der Mainzer Innenstadt auf etwas völlig Unerwartetes: die Überreste eines römischen Heiligtums für Isis und die Muttergöttin Mater Magna, versteckt fünf Meter unter einer geplanten Einkaufspassage. Die Anlage war im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts unter den flavischen Kaisern entstanden, vermutlich mit staatlicher Unterstützung, wie militärische Ziegelstempel nahelegen. Weihinschriften mit Bezug auf Kaiser, Senat, Volk und Heer deuten sogar darauf hin, dass die Gründung mit einer politischen Krise unter Beteiligung der Mainzer Legionen zusammenhängen könnte. Über zweihundert Jahre wurde der Gebäudekomplex immer wieder umgebaut, bis der Kultbetrieb gegen Ende des 3. Jahrhunderts aus unbekannten Gründen endete und die Anlage verfiel.

Als die Stadt die Ruinen zunächst einfach abreißen wollte, sammelte eine Bürgerinitiative tausende Unterschriften für deren Erhalt, und am Ende wurden die Mauerreste in einem aufwendigen Verfahren versetzt und dauerhaft im Keller der neuen Passage konserviert. Unter dem römischen Heiligtum fanden die Archäologen zudem, völlig unerwartet, ein rund 700 Jahre älteres Frauengrab aus der Hallstattzeit mit gut erhaltenem Totenbrett, das sich dendrochronologisch auf 680 bis 650 vor Christus datieren ließ. Unter den Funden des Heiligtums selbst stechen 34 Fluchttäfelchen hervor, mit denen Menschen heimlich Diebe oder Nebenbuhlerinnen verwünschten, dazu zwei durchstochene Tonfiguren als Liebeszauber und eine kunstvolle Bronzefigur eines Zwerges. Hunderte benutzte Öllämpchen, verkohlte Opfergaben aus Backwerk und Obst sowie ungewöhnlich viele Knochen von Hähnen und Singvögeln geben zusätzlich Einblick in den alltäglichen Kultbetrieb.

Wissenschaftlich war die Ausgrabung in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung, denn bislang hatte man nicht angenommen, dass der Isiskult schon so früh bis in die nördlichen Provinzen des Reiches vorgedrungen war. Auch das gemeinsame Heiligtum für Isis und Mater Magna existierte in dieser Form bislang nirgendwo außerhalb Italiens nachweisbar. Heute kannst du die geborgenen Mauerreste zusammen mit ausgewählten Funden in einem kleinen, multimedial aufbereiteten Museum im Untergeschoss der Passage besichtigen. Die vollständige wissenschaftliche Auswertung des umfangreichen Fundmaterials ist aber bis heute nicht abgeschlossen, sodass etwa die genauen Gründe für das Ende des Kultbetriebs weiterhin offen bleiben.

Entdeckt wurde das Heiligtum Ende 1999 zufällig bei den Bauarbeiten für die „Römerpassage“ – heute liegt der antike Kultort unter einer laufenden Einkaufsgalerie.

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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.

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