Morgenwunder

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Zu krank zum Malen – also griff er zur Schere

Henri Matisse wollte eigentlich Jurist werden, entdeckte die Malerei aber während einer langen Bettlägerigkeit nach einer Operation und ließ die Anwaltskarriere fallen. In Paris lernte er bei verschiedenen Lehrern, geriet zeitweise in große finanzielle Not und fand erst über Umwege, unter anderem durch den Einfluss von Cézanne und van Gogh, zu einer eigenen, kräftig-farbigen Malweise. Der Durchbruch kam 1905 in einem Fischerdorf am Mittelmeer, wo er zusammen mit André Derain einen Stil entwickelte, den ein Kritiker spöttisch „die wilden Tiere“ nannte – daraus wurde der Fauvismus, die erste Kunstbewegung des Jahrhunderts. Parallel dazu begann eine lebenslange, von Rivalität und gegenseitigem Respekt geprägte Freundschaft mit Picasso, die beide bis zu Matisses Tod immer wieder zusammenführte, obwohl sie künstlerisch fast entgegengesetzte Ziele verfolgten: Picasso suchte das Dissonante, Matisse das Harmonische.

Sein Werk durchlief mehrere Phasen: Nach den Fauve-Jahren folgte eine Zeit, in der er sich mit dem Kubismus auseinandersetzte und geometrischer wurde, dann die sonnige Nizza-Periode mit Odalisken und lichtdurchfluteten Interieurs, und schließlich eine Rückkehr zu größerer Einfachheit. Dabei blieb er stets der Überzeugung treu, dass Farbe und Form eine Einheit bilden und dass ein Bild wie ein Blumenstrauß im Raum wirken solle, nicht wie eine Waffe. Neben der Malerei schuf er auch ein umfangreiches grafisches und plastisches Werk, Illustrationen etwa zu Joyces Ulysses, und arbeitete immer wieder mit Modellen, die ihm über Jahre hinweg eng verbunden blieben, ohne dass daraus, wie spätere Biografen betonen, die oft vermuteten Affären entstanden.

Als er schwer erkrankte und kaum noch stehen konnte, fand Matisse im hohen Alter zu einer letzten, radikal reduzierten Ausdrucksform: Er schnitt bunte Papierformen aus und komponierte daraus große Bilder, eine Technik, die er „mit der Schere zeichnen“ nannte und die im Künstlerbuch Jazz ihren bekanntesten Ausdruck fand. Als Krönung dieser späten Jahre gestaltete er in Vence eine kleine Kapelle für Dominikanerinnen komplett selbst, von den Fenstern bis zu den Gewändern, und hielt sie selbst für sein eigentliches Meisterwerk. Er starb 1954 in Nizza, der Stadt, die über Jahrzehnte sein Zuhause gewesen war, und sein Einfluss reichte weit über Frankreich hinaus bis zu den amerikanischen abstrakten Expressionisten wie Rothko, die sich ausdrücklich auf ihn beriefen. Bis heute erzielen seine Werke bei Auktionen Rekordsummen, und Museen in Nizza und seiner Geburtsstadt bewahren sein Erbe.

Nicht seine berühmten Gemälde hielt Matisse für sein Meisterwerk, sondern die 1951 eingeweihte Rosenkranzkapelle in Vence, die er plante und ausstattete.

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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.

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