Morgenwunder

Kuriose Geschichte · Erfindungen & Technik

Größter Pharmakonzern der Welt – und dann zerlegte er sich selbst

Die Hoechst AG begann 1863 als kleine Teerfarbenfabrik im nassauischen Höchst am Main und wuchs bis zum Ersten Weltkrieg zu einem Weltunternehmen, das Farbstoffe und bald auch Arzneimittel wie Antipyrin oder das Diphtherie-Serum von Emil von Behring herstellte. Nach dem Krieg ging das Unternehmen 1925 in der I.G. Farben auf, wo es gegenüber den mitteldeutschen Werken ins Hintertreffen geriet, während der Betrieb in der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigte und an fragwürdigen Pharmaversuchen beteiligt war. Nach 1945 wurde die I.G. Farben entflochten, und 1952 entstand die neue Farbwerke Hoechst AG, die sich rasch zu einem der größten Chemie- und Pharmakonzerne der Welt entwickelte, mit Meilensteinen wie eigenen Antidiabetika, Kunstfasern wie Trevira und Kunststoffen wie Hostalen sowie zahlreichen Übernahmen im In- und Ausland, etwa der amerikanischen Celanese.

An der Spitze ihrer Ausdehnung Anfang der 1990er Jahre beschäftigte der Konzern rund 180.000 Menschen, doch die Gewinne brachen in den Folgejahren stark ein, und Strukturschwächen vor allem im Pharmageschäft traten offen zutage. Unter dem neuen Vorstandschef Jürgen Dormann begann ab 1994 ein radikaler Umbau zur reinen Life-Sciences-Holding: Das traditionelle Chemiegeschäft wurde an Firmen wie Clariant, Celanese und Bayer verkauft oder abgespalten, das alte Turm-und-Brücke-Logo verschwand, und viele Standorte wurden zu selbständigen Industrieparks. Dieser Umbau, der die Belegschaft auf etwa die Hälfte reduzierte, wird bis heute unterschiedlich bewertet – als konsequente Modernisierung im Sinne des Shareholder Value oder als Zerschlagung eines gewachsenen Traditionskonzerns.

1999 fusionierte Hoechst mit dem französischen Rhône-Poulenc zu Aventis, das 2004 mit Sanofi-Synthélabo zu Sanofi-Aventis verschmolz, wodurch der Name Hoechst aus der Öffentlichkeit verschwand und die Aktie von der Börse genommen wurde. Das Stammwerk lebt als Industriepark Höchst weiter und bleibt bis heute ein bedeutender Standort. Begleitet wurde die Firmengeschichte von wiederkehrenden Kontroversen, etwa um das umstrittene Antidepressivum Alival, die sogenannte Abtreibungspille RU 486 der Tochter Roussel-Uclaf und mehrere schwere Chemieunfälle 1993, die dem Unternehmen erheblichen Image- und Vertrauensschaden zufügten.

Anfang der 1980er Jahre war Hoechst gemessen am Umsatz das größte Pharmaunternehmen der Welt. Der Firmensitz war bis zuletzt derselbe Ort am Main, an dem 1863 alles begann.

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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.

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