Körper & Medizin · Menschen & Lebenswege
Niemand wusste, woraus Antikörper bestehen – er hatte 79 Jahre Zeit
Michael Heidelberger wurde 1888 in New York geboren, studierte Chemie an der Columbia University und verbrachte danach ein prägendes Jahr im Labor von Richard Willstätter in Zürich. Ab 1912 arbeitete er am Rockefeller Institute, zunächst an der Synthese von Wirkstoffen gegen Syphilis und Schlafkrankheit, später an Studien zu Blutfarbstoffen, aus denen nebenbei die bis heute gebräuchliche Kühlzentrifuge entstand. Der Kontakt zu Kollegen wie Karl Landsteiner und Oswald Avery lenkte ihn schließlich zur Immunologie, wo er sich mit den Zuckerhüllen von Bakterien zu beschäftigen begann. 1927 wechselte er ans Mount Sinai Hospital und kurz darauf an die Columbia University, wo er den Großteil seiner eigentlichen Lebensleistung erbrachte.
Dort entwickelte Heidelberger die sogenannte Präzipitin-Reaktion, mit der sich erstmals quantitativ messen ließ, wie Antikörper auf Antigene reagieren. Über Jahre gelang ihm damit der entscheidende Nachweis, dass Antikörper tatsächlich Proteine aus der Gruppe der Globuline sind – eine der zentralen offenen Fragen der damaligen Immunologie. Mit seinem Mitarbeiter Elvin Kabat unterschied er zudem zwei Antikörpertypen, die später als die Klassen IgG und IgM bekannt wurden, und klärte mit, dass das rätselhafte Komplementsystem aus mehreren Bluteiweißen statt aus einem bloßen Serumzustand besteht. Aus seiner Forschung ging auch ein wirksames Serum gegen eine Form von Hirnhautentzündung bei Kleinkindern hervor, während parallele Versuche zu einer Malaria-Therapie mit Antiseren erfolglos blieben. Diese Grundlagenarbeit legte später den Boden für moderne Nachweisverfahren wie ELISA und RIA.
Auch nach seiner Emeritierung 1956 blieb Heidelberger an wechselnden Universitäten aktiv und forschte bis kurz vor seinem Tod mit 103 Jahren weiter, insgesamt veröffentlichte er in über sieben Jahrzehnten 365 Arbeiten. Für sein Lebenswerk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter zweimal den Lasker-Preis und die National Medal of Science, und wurde unter anderem in die Royal Society aufgenommen, was ihm neben der französischen Ehrenlegion besonders wichtig war. Privat heiratete er zweimal, verlor seine erste Frau an Krebs und später auch seinen Sohn Charles, der ebenfalls als Chemiker arbeitete und ein bekanntes Krebsmedikament entwickelte. Nebenbei engagierte er sich politisch gegen Kernwaffentests und den Vietnamkrieg, spielte leidenschaftlich Klarinette und unternahm noch mit 83 Jahren eine Weltreise.
Seine beiden Lasker-Preise liegen 25 Jahre auseinander – 1953 und 1978. In die Royal Society wurde er mit 87 aufgenommen, insgesamt veröffentlichte er 365 Arbeiten.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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