Musik, Film & Literatur · Menschen & Lebenswege
Ein Schriftsteller erfindet nichts mehr – und wird unangenehm
Max Frischs Erzählung Montauk aus dem Jahr 1975 nimmt in seinem Werk eine Sonderstellung ein, weil der Erzähler diesmal nicht hinter erfundenen Figuren versteckt wird, sondern selbst Max Frisch heißt und ein echtes Erlebnis schildert: ein Wochenende mit einer jungen Amerikanerin namens Lynn am Ende einer Lesereise durch die USA. Der Ausflug ins Küstendorf Montauk wird zum Anlass, auf sein ganzes Leben zurückzublicken, auf gescheiterte Beziehungen, das Älterwerden und die Nähe des Todes, und zugleich darüber nachzudenken, wie Schreiben und Leben sich gegenseitig verzerrt haben. Frisch will diesmal nichts erfinden, sondern einfach nur erzählen, was geschehen ist, und bricht damit bewusst mit seinem bisherigen Prinzip, das eigene Leben nur verschlüsselt in Romanen zu verarbeiten.
Formal ist der Text ein collagenartiges Mosaik aus fast zweihundert kurzen und langen Szenen, das zwischen der distanzierten Er-Form für das Wochenende mit Lynn und der Ich-Form für Erinnerungen und Reflexionen hin- und herspringt, durchsetzt von Stichworten, Zitaten und Gesprächsfetzen. Darin tauchen frühere Frauen aus Frischs Leben auf, von einer Jugendliebe über seine erste Ehefrau bis zu Ingeborg Bachmann, außerdem ein dominanter Jugendfreund, mit dem er brach, als er selbst Erfolg hatte. Trotz des Versprechens völliger Offenheit zeigt sich am Ende, dass auch dieser radikale Versuch der Selbstbeschreibung an Grenzen stößt, weil sich ein Mensch nie ganz selbst erzählen kann und die Literatur den gelebten Augenblick immer schon in etwas anderes verwandelt. Das Wochenende selbst bleibt bewusst folgenlos, beide wissen, dass sie sich danach nicht wiedersehen werden, was Frisch paradoxerweise als eine Art Befreiung und Erfüllung erlebt.
Bei seinem Erscheinen sorgte das Buch für Streit, weil Frischs frühere Partnerinnen sich bloßgestellt fühlten, während andere Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki es als sein reifstes und bedeutendstes Werk feierten und später in seinen Kanon aufnahmen. Tatsächlich stimmen die geschilderten Fakten, bis auf den geänderten Namen der realen Alice Locke-Carey, weitgehend mit Frischs Leben überein, auch wenn die beiden sich Jahre später noch einmal trafen und zeitweise zusammenlebten, was die Erzählung offenlässt. In der Forschung ist bis heute umstritten, wie sehr Montauk tatsächlich ehrliches Selbstbekenntnis ist oder ob der Erzähler Max Frisch letztlich doch eine literarische Kunstfigur bleibt. Das Werk wurde später unter anderem von Richard Dindo verfilmt, als Hörspiel bearbeitet und inspirierte Volker Schlöndorffs Film Rückkehr nach Montauk sowie literarische Weiterschreibungen.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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