Wissenschaft & Ideen · Menschen & Lebenswege
Er gründete eine Denkschule und bestritt, irgendetwas Neues zu sagen
Plotin war ein Philosoph des 3. Jahrhunderts, der in Alexandria bei Ammonios Sakkas studierte und später in Rom eine einflussreiche Schule gründete, an der auch Senatoren und Kaiser Gallienus selbst teilnahmen. Über sein Leben weißt du fast nur, was sein Schüler Porphyrios aufgeschrieben hat, denn Plotin verriet nie etwas über Herkunft oder Geburtstag und ließ sich nicht einmal porträtieren. Er verstand sich nicht als Neuerer, sondern als treuer Ausleger Platons, lehrte im Dialog mit seinen Hörern und trug seine Gedanken erst spät, ab seinen Fünfzigern, in Schriften zusammen, die kaum überarbeitet und ungeordnet blieben. Erst Porphyrios ordnete den Nachlass nach seinem Tod zu den sechs mal neun Abhandlungen, die als Enneaden bekannt wurden, und rettete das Werk damit vollständig für die Nachwelt.
Im Zentrum von Plotins Denken steht ein einziges, undifferenziertes Urprinzip, das „Eine“, aus dem sich alles Übrige durch eine Art naturnotwendiges Ausstrahlen entfaltet, zunächst der reine Geist mit den platonischen Ideen, dann die Seele, schließlich die materielle Welt. Ziel des Philosophen ist es, sich diesem Einen wieder anzunähern und in seltenen Momenten sogar mit ihm eins zu werden, ein Erlebnis, das Plotin nach eigener Aussage mehrfach widerfahren sein soll. Die Seele steigt aus ihrer geistigen Heimat in einen Körper hinab, was Plotin einerseits als Verlust und Verirrung beschreibt, andererseits als notwendigen Teil einer vollkommenen Weltordnung rechtfertigt, weil erst dadurch auch das Materielle am Geistigen teilhat. Besonders scharf grenzte er sich von der Gnosis ab, die den sichtbaren Kosmos als missratenes Werk verwarf, während Plotin ihn als schön und gut ansah. Auch mit der aristotelischen Kategorienlehre ging er hart ins Gericht, weil sie seiner Meinung nach nur für die sinnliche, nicht aber für die geistige Welt taugt.
Nach seinem Tod verbreitete vor allem Porphyrios die Lehre weiter, wenn auch mit eigenen Abweichungen, während spätere Neuplatoniker wie Iamblichos manche Kernthesen verwarfen und stattdessen auf rituelle Praktiken setzten. Über Umwege, etwa durch Augustinus und lateinische wie arabische Übersetzungen, wirkte Plotins Gedankengut auch im Mittelalter fort, obwohl sein Name dabei oft verschwand, etwa als seine Texte fälschlich Aristoteles zugeschrieben wurden. Erst die Übersetzung von Marsilio Ficino im 15. Jahrhundert machte ihn im Westen wieder direkt zugänglich und begründete eine bis heute anhaltende Rezeption, die von Goethe und den deutschen Idealisten über Bergson bis zu modernen Philosophiehistorikern reicht, wobei sein Verhältnis zu Platon und sein Grad an Eigenständigkeit bis heute umstritten bleiben.
Seine Texte schrieb er nur für den eigenen Schülerkreis; einer breiteren Öffentlichkeit wurden sie erst nach seinem Tod zugänglich gemacht.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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