Kunst & Architektur · Menschen & Lebenswege
Die Videokunst begann nicht in New York, sondern in Wuppertal
Rolf Jährling war eigentlich Architekt, der unter den Nationalsozialisten studiert hatte und schon als Kriegsgefangener über ein altes Life-Magazin die Mobiles von Alexander Calder kennenlernte. Nach der Gefangenschaft ließ er sich in Wuppertal nieder, und 1949 gründete er dort, zunächst im Dachgeschoss eines halbzerstörten Lagerhauses, die Galerie Parnass. Anfangs zeigte er klassische Moderne und dann vor allem Informel-Künstler, holte 1951 die erste Le-Corbusier-Schau nach Deutschland und organisierte 1952 nach zähem Hin und Her mit dessen Pariser Händler die erste Calder-Einzelausstellung des Landes. Mit wechselnden Standorten, zuletzt einer Jugendstilvilla, wurde die Galerie zu einem der kühnsten Ausstellungsorte im Nachkriegsdeutschland, mit Theateraufführungen, Konzerten und Vorträgen namhafter Kritiker.
Ab 1962 wurde die Villa in der Moltkestraße zum Schauplatz der ersten Happening- und Fluxus-Ereignisse in Deutschland. Beim Kleinen Sommerfest spielte Benjamin Patterson mit Messer, Gabel und Abschleppseil auf einem Kontrabass, während George Maciunas sein Fluxus-Manifest verlesen ließ. 1963 zeigte Nam June Paik in seiner ersten Einzelausstellung präparierte Klaviere und manipulierte Fernseher, die als Geburtsstunde der Videokunst gelten, und Joseph Beuys zertrümmerte dabei spontan ein Klavier mit einer Axt. Im selben Jahr ließ Wolf Vostell die Gäste in Bussen zu neun Stationen durch Wuppertal fahren, mit Polizeieskorte, einem simulierten Lokomotiven-Unfall und einem dunklen Erinnerungsraum an Auschwitz. Höhepunkt wurde 1965 das 24-Stunden-Happening, bei dem Beuys fast reglos auf einer Kiste verharrte, Charlotte Moorman nur in Cellophan gekleidet Cello spielte und Paiks Roboter seinen ersten öffentlichen Auftritt in Europa hatte; kurz darauf löste Jährling die Galerie auf.
Noch 1964 hatte er übrigens unbekannten Düsseldorfer Kunststudenten wie Gerhard Richter, Sigmar Polke und Konrad Lueg eine Ausstellung im Vorgarten seines Hauses ermöglicht, aus der später ihre erste richtige Schau als „Neue Realisten“ wurde. Nach dem Ende der Galerie reiste Jährling mit seiner Frau Anneliese monatelang mit einem VW-Bus durch Afrika und arbeitete anschließend jahrelang als Architekt in Addis Abeba, wo er eine umfangreiche Sammlung äthiopischer Volkskunst zusammentrug. Seine Frau begann dort, textile Skulpturen zu häkeln, die ebenfalls ausgestellt wurden. Zurück in Deutschland lebte Jährling zurückgezogen in der Eifel bis zu seinem Tod, während große Teile seiner Kunstsammlung später ins Wuppertaler Von der Heydt-Museum gelangten und die Galerie Parnass in mehreren Rückblicken gewürdigt wurde.
Beim 24-Stunden-Happening von 1965 trat die Cellistin Charlotte Moorman nur mit durchsichtiger Cellophanfolie bekleidet auf – in einem Wuppertaler Wohnhaus.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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