Krieg & Konflikt · Erde & Orte
60 Prozent stimmten für Deutschland – geteilt wurde trotzdem
Am 20. März 1921 stimmten die Bewohner Oberschlesiens darüber ab, ob die Region beim Deutschen Reich bleiben oder an das wiedergegründete Polen fallen sollte – eine Vorgabe des Versailler Vertrags, die eine internationale Kommission unter Führung Frankreichs, Großbritanniens und Italiens organisierte und die das Gebiet für über zwei Jahre selbst regierte. Etwa 97 Prozent der Stimmberechtigten beteiligten sich, rund 60 Prozent votierten für Deutschland, 40 Prozent für Polen, wobei die Ergebnisse von Gemeinde zu Gemeinde extrem schwankten und Städte meist deutsch, das flache Land oft polnisch stimmte. Weil der Vertrag nur eine gemeindeweise Auswertung vorsah, ohne klare Regel, wie daraus eine Grenze werden sollte, blieb völlig offen, wie das umstrittene Industriegebiet zwischen den beiden Ländern aufgeteilt werden würde – genau daran entzündete sich der eigentliche Streit nach der Abstimmung.
Schon in den Jahren davor hatten beide Seiten enormen Aufwand betrieben, um die eigentlich sehr uneindeutige nationale Zugehörigkeit vieler Oberschlesier in ihrem Sinne zu prägen: professionell organisierte polnische Kommissariate mit tausenden Mitarbeitenden standen einer zersplitterten, von internem Streit gelähmten deutschen Kampagne gegenüber, dazu kamen Zeitungen, Plakate, Filme, sogar prominente Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann oder Kurt Tucholsky. Parallel dazu verlief ein gewaltsamer Konflikt mit paramilitärischen Verbänden auf beiden Seiten, der in drei sogenannten Schlesischen Aufständen eskalierte und insgesamt mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wobei die dritte und blutigste Erhebung im Mai 1921 direkt auf die als enttäuschend empfundenen Abstimmungsergebnisse folgte und zeitweise einem regelrechten Stellvertreterkrieg zwischen Deutschland und Polen glich. Erst nach monatelangem Streit zwischen den Siegermächten übergab man die Entscheidung dem Völkerbund, der im Oktober 1921 einen Kompromiss entlang der sogenannten Sforza-Linie durchsetzte: Das kleinere, aber wirtschaftlich weit bedeutendere Ostoberschlesien mit dem Großteil der Kohle-, Eisen- und Zinkindustrie ging an Polen, der größere, ländlichere Westteil blieb bei Deutschland.
Die Teilung wurde 1922 in einem deutsch-polnischen Abkommen mit einer 15-jährigen Übergangsfrist für Eigentum, Vereine und Grenzverkehr geregelt, während weiterhin Gewalt und Fluchtbewegungen von Zehntausenden das Gebiet begleiteten. In Deutschland nährte der als Unrecht empfundene Gebietsverlust über Jahre die Forderung nach einer Revision des Versailler Vertrags, geriet danach aber gegenüber dem Schicksal der späteren Vertriebenen zunehmend in Vergessenheit, während er in Polen als Teil einer Erinnerung an die drei Aufstände sehr präsent blieb, lange bevorzugt militärisch statt zivil-plebiszitär gedeutet. Erst seit den 1990er-Jahren nähern sich die deutsche und die polnische Erinnerungskultur einander an, weg von nationalistischen Erzählungen hin zu einer stärkeren Betonung der sprachlichen und kulturellen Vielschichtigkeit Oberschlesiens, die eine eindeutige Zuordnung der Bevölkerung zu „deutsch“ oder „polnisch“ von Anfang an fragwürdig gemacht hatte.
Zwischen Februar 1920 und Juli 1922 regierte eine interalliierte Kommission Oberschlesien – das Gebiet war für zweieinhalb Jahre weder deutsch noch polnisch.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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