Körper & Medizin
Was alle „Vagina“ nennen, ist von außen gar nicht zu sehen
Die Vulva, also die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane, besteht aus Venushügel, großen und kleinen Schamlippen, Klitoris und dem Scheidenvorhof mit den Mündungen von Harnröhre und Vagina. Anatomisch ist dabei auffällig, wie individuell verschieden sie aussieht: Größe der Klitoris, Form der Schamlippen oder Sichtbarkeit der inneren Lippen schwanken stark, was mehrere Studien inzwischen als völlig normale Bandbreite bestätigt haben. Die Vulva verändert sich außerdem ein Leben lang, von der Schwellung direkt nach der Geburt über die Pubertät bis zu den Wechseljahren, und reagiert auch kurzfristig auf Erregung, Zyklus, Schwangerschaft oder Geburt mit Durchblutung, Schwellung und Sekretbildung. Ihr feuchtwarmes Mikroklima beherbergt zudem ein eigenes, empfindliches Mikrobiom, dessen Gleichgewicht über Gesundheit oder Entzündungen entscheidet.
Medizinisch kann die Vulva von Fehlbildungen, Entzündungen durch Viren, Bakterien oder Pilze, chronischen Erkrankungen wie der Vulvodynie bis zu seltenem Vulvakrebs betroffen sein, wobei manche dieser Veränderungen operative Eingriffe wie die Vulvektomie nötig machen. Sprachlich zeigt sich ein auffälliger Widerspruch: Es gibt unzählige Bezeichnungen, von medizinischen Fachbegriffen wie Cunnus über verniedlichende Kosenamen bis zu derb abwertenden Ausdrücken, während gleichzeitig „Vagina“ oder „Scheide“ im Alltag fälschlich für das ganze äußere Genital benutzt werden. Historisch wandelte sich die Bewertung der Vulva mehrfach stark, von positiver Verehrung in frühen Kulturen über eine zunehmend prüde, verleugnende Haltung seit der Antike und besonders im viktorianischen Zeitalter bis zur Enttabuisierung im 20. Jahrhundert.
Kulturell taucht die Vulva seit der Steinzeit in Figuren, Symbolen und Felsritzungen als Fruchtbarkeits- und Begehrenszeichen auf, wurde aber in der europäischen Kunst bis ins späte 19. Jahrhundert fast nie anatomisch detailliert dargestellt, mit wenigen Ausnahmen wie Dürer oder später Courbets berühmtem Gemälde. Erst mit Künstlern wie Klimt, Schiele oder Picasso und später in feministischer Kunst von Georgia O’Keeffe bis Judy Chicago wurde das Motiv offener und politischer verhandelt, bis hin zu heutigen Fotoprojekten, die die Vielfalt echter Vulven zeigen wollen. Gleichzeitig prägen Schönheitsideale weiterhin den Umgang mit dem Körperteil, etwa bei der verbreiteten Intimrasur oder der wachsenden Nachfrage nach kosmetischen Genitaloperationen, während die traditionelle Genitalverstümmelung in manchen Regionen als eigenes, international geächtetes Kapitel fortbesteht.
Cunnus galt in der klassischen lateinischen Literatur überwiegend als obszöner Ausdruck – heute ist es ein eingeführter medizinischer Begriff.
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Der Artikel stammt aus der Wikipedia und steht unter CC BY-SA 4.0. Die Einleitung oben ist unsere eigene.
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